Allgemein Gedanken

Für immer Auwi – Teil 3

Dienstag

Jeden Tag haben wir ihn besucht, anfangs hat er uns noch erkannt, die weiteren Tage hat er nur noch geschlafen und wurde nur wach, wenn er spürte, dass wir an seinem Bett saßen und schlief dann wieder ein.

Dann kam der Dienstag, als sich mein geliebter Papa auf seine letzte Reise machte. Seitdem ich wusste, dass mein Papa nur noch wenige Tage leben würde, war ich in höchster Anspannung. Ich war schon auf dem Weg ins Krankenhaus, als mich über die Freisprecheinrichtung im Auto ein Anruf aus der Klinik erreichte. Ich drehte um, rief meine beste Freundin P. an, denn ich war nicht mehr in der Lage selbst zum Krankenhaus zu fahren, mein Mann kam sofort aus dem Büro hinterher. Noch nie zuvor hatte ich eine solche Angst ein Zimmer zu betreten wie in diesem Moment. Ich hatte es meinem Papa versprochen, er sollte nicht alleine sein beim Sterben. Wir setzten uns an sein Bett und waren einfach da. Und es war mir in diesem Moment so unbegreiflich, dass da ein Mensch lag, der in den nächsten Stunden unsere Welt verlassen würde und der für mich als Papa ein Fels in der Brandung war, immer so besorgt um mich war und der soviel schönes im Leben erleben durfte. So unglaublich friedlich lag er da und schlief. Ich habe ihn gestreichelt, seine Hand gehalten und doch schlief er weiter und wurde nicht mehr wach. In den Stunden bis mein Vater starb hatte ich Angst, dass unsere Anwesenheit ihn dabei stören könnte loszulassen. Doch im Nachhinein war diese Sorge unbegründet. Das Klinikpersonal war so liebevoll, schaute ab und zu ins Zimmer und kümmerte sich auch um mich und meinen Mann sehr aufmerksam.

Lebensende

Die Palliativmedizin kennt bestimmte Methoden, die letzte Phase für den Sterbenden so liebevoll wie möglich zu gestalten. Nach einiger Zeit brachte man einen sogenannten „Snoezele-Wagen“ ins Zimmer.  Dieser besteht aus einem Lichtprojektor, der einen Himmel an Wand und Decke projiziert,  eine Duftlampe mit Lavendelaroma sowie einen CD-Player, der mit ruhiger Musik für eine beinah paradiesische Atmosphäre sorgt. Es dauerte nicht lange und ich konnte spüren, dass mein Vater diese Wahrnehmungen immer mehr entspannte. Dann ist er für immer eingeschlafen, ganz sanft und friedlich. Ich hätte nie für möglich gehalten wie würdevoll und ruhig Sterben sein kann. Wenn mein Vater es irgendwie gespürt haben sollte, wie sanft er von dieser Welt gehen durfte, ich glaube es hätte ihm gefallen. Mein Mann und ich saßen an seinem Sterbebett und trotzdem konnten wir es nicht fassen. Er hatte seine Krankheit überwunden, keine Schmerzen mehr. Mein Papa sah so friedlich und entspannt aus.

Es ist hilfreich, wenn man als Angehöriger auf einer Palliativstation alle Zeit der Welt bekommt, mit dem verstorbenen geliebten Menschen noch viel Zeit verbringen zu können. Ebenso wichtig ist die anschließende psychologische Betreuung, die wir bekamen. Denn den sterbenden Vater bis zum letzten Atemzug zu begleiten ist eine sehr belastende Situation.  Dennoch beruhigt es mich im Nachhinein, dass wir ihm seinen Wunsch erfüllen konnten, nicht alleine zu sein beim Sterben.

Seitdem sind 15 Monate vergangen. Und ich vermisse meinen Vater jeden Tag. Es ist verdammt schwer damit fertig zu werden, wenn die Eltern nicht mehr da sind.

Der Trauerredner auf Papas Beisetzung hat einen sehr tröstlichen Vergleich gezogen: Das Leben ist vergleichbar mit einer Zugfahrt.

Wir steigen ein, treffen unsere Eltern und meinen, dass sie immer mit uns reisen werden,  aber an irgendeinem Halt steigen sie aus und wir müssen ohne sie weiterreisen. Doch es werden viele Passagiere in den Zug steigen: Verwandte, Freunde, Kollegen, vielleicht sogar die Liebe unseres Lebens.

Einige werden aussteigen und eine große Leere hinterlassen. Bei anderen werden wir gar nicht merken, dass sie ausgestiegen sind. Und wir wissen auch nicht, an welcher Haltestelle wir aussteigen müssen. Wenn der Moment gekommen ist, wo unsere Eltern aussteigen und deren Plätze  leer sind, sollen nur schöne Gedanken an sie bleiben und für immer im Zug des eigenen Lebens mitreisen. Die Bestatterin hatte mich vor Beginn der Trauerfeier gefragt, ob ich die Urne meines Vaters bis zur Grabstelle tragen möchte. Zuerst war ich mir ein wenig unsicher, gab ihr aber zu verstehen, dass ich ihr ein Zeichen geben würde, bevor wir aus der Kapelle gehen. Als die Trauerfeier in der Kapelle mit einem Gebet endete, nahm ich allen Mut zusammen und habe die Urne meines Vaters bis zur Grabstelle getragen. Und es war gut so, aus dem Bewusstsein voller Liebe heraus war es plötzlich so selbstverständlich. Die Bestatterin hat sie am Kolumbarium übernommen und in die Grabkammer zu meiner geliebten Mutter gestellt. Damals als meine Mutter so plötzlich verstarb, war es weder für meinen Papa noch für mich möglich dies zu tun. Wir waren zu geschockt, dass sie so plötzlich gehen musste.  Rückwirkend habe ich für mich festgestellt, dass es das schönste war, was ich an diesem Tag für meinen lieben Papa tun konnte. Meine Eltern haben mir das Leben geschenkt, haben mich ein großes Stück meines Lebensweges voller bedingungsloser Liebe begleitet und nun wurde es meine Aufgabe, meinem Vater diesen großen Liebesbeweis entgegenzubringen. Mir wurde klar das nun der  Moment gekommen war, wo ich loslassen musste und mein Vater aus meinem Zug des Lebens ausgestiegen ist.

 

 

Ich habe immer noch daran zu knabbern, dass mein Vater nun nicht mehr bei uns ist. Das Schreiben dieses Artikels hat mir dabei geholfen, das Erlebte zu verarbeiten. Es ist ein wunderschönes Gefühl so wunderbare Eltern gehabt zu haben. Ich erinnere mich so gerne an die beiden und oft sprechen wir im Freundeskreis über sie.

So werden sie für immer einen Platz in unserer Mitte haben.

(3) Kommentare

  1. sagt:

    Danke dass du uns mit auf diese besondere Reise genommen hast.
    Tolle, zugewandte Eltern (gehabt) zu haben, macht die Kinder auch stark für’s Leben.
    In meinem Lebenszug (das gefällt mir) sitzt „schon immer“ ein jetzt hochdementer Mann, der mir kein guter Vater war. Auch um seinetwillen wäre es gut, er könnte endlich aussteigen. Aber er schafft es nicht und muss immer noch mitfahren.
    Es scheint „besser“ zu sein, ein „gutes“ (damit meine ich auch, man muss selbst „gut“ gewesen sein) Leben zu Ende gehen zu lassen, schön, dass dein Vater das dann so für sich entscheiden konnte und ihr das mitgetragen habt. Respekt!
    Sorry, wenn das jetzt etwas verworren klingt,
    viele Grüße
    Miki

    1. Bambi sagt:

      Liebe Miki, danke für deinen schönen Kommentar. Ich kann nachempfinden, was du erlebt hast. Umso wichtiger ist es, dass man Menschen, die einem nicht gut tun, aus dem eigenen Zug des Lebens aussteigen lässt, auch wenn es schwerfällt. Ich wünsche dir einen schönen geruhsamen 2. Advent und freue mich, wenn du hier ab und zu mitliest. PS: Du hast auch ein tolles Blog!

  2. Meine liebe Frau, das sind drei ganz tolle Artikel, die Du geschrieben hast. Ich habe es ja auch so erlebt, wie Du es schilderst. Aber wie Du schriebst, sie sind immer in unserem Herzen und die Erinnerungen an unsere Eltern kann uns niemand mehr nehmen.

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